Elternbegleitungen und Familienhilfe im Kontext psychoanalytischer Sozialarbeit mit herausfordernden und hochgradig verwickelten „Grenzfalleltern“
mit Christof Krüger (Tübingen)
Der sperrige Begriff der Grenzfalleltern bezieht sich indirekt auf einen der Pioniere psychoanalytischer Sozialarbeit, Rudi Ekstein, der in seinem 1966 veröffentlichten Buch „Children of Time and Space, of Action and Impulse“ (deutsch: Grenzfallkinder) niedrigschwellige psychoanalytische Zugänge zu herausfordernden Kindern beschreibt, die uns Helferund Therapeut:innen an verschiedene Grenzen bringen. Viel grössere Rätsel geben uns nicht selten Eltern mit meist nur wenig haltgebenden Erfahrungen in ihren Lebensgeschichten auf. Die Eltern, von denen hier die Rede ist, erinnern mit ihren widersprüchlichen, schwer zu fassenden Botschaften an eine Borderlinesymptomatik.
In einer spezifisch sehr ungetrennt erscheinenden „Kollusion“ mit ihren Kindern stellen sie auf verschiedene Weise als „eigentliche“ Systemsprenger:innen die sozialen Institutionen und professionelle Helfer:innensysteme in Frage. Dies hat nicht selten als Gegenbewegung massive Ausgrenzungstendenzen zur Folge, wobei hier meist die Kinder mit ihrem schwierigen Verhalten den Ausschluss aus Hilfesystemen legitimieren helfen.
Eine Antwort auf die hier charakteristische „Problemdopplung von äußerer und innerer Not“ scheint auch deshalb so kompliziert, da sich die in schwierigem Verhalten ausgedrückte innere Not der Kinder zur äußeren Not der Eltern verwandelt und als Abwehr gegen eigene Schuld- und Insuffizienzerlebnisse fungiert. Trotz der aus meinen langjährigen Praxiserfahrungen ungebrochenen Aktualität und Relevanz dieser verwickelten Problematik gibt es bis heute weder im pädagogischen noch im psychoanalytischen Fachdiskurs Konzepte und konzeptionelle Überlegungen dazu.
Ich möchte deshalb aus meiner über 30ig-jährigen Praxiserfahrung in der Begleitung solcher Eltern einige Ideen und deren Umsetzung anhand von eigenen Fallbeispielen vorstellen. Meine Arbeit bewegt sich dabei im Kontext psychoanalytischer Sozialarbeit, wie sie in Tübingen, aber auch an anderen Orten, seit knapp 50 Jahren entwickelt wurden. Ihr Ziel ist das Erreichen herausfordernder Kinder und Jugendlicher, aber auch solcher Eltern mit einem Ansatz, der psychoanalytisches Denken mit modernen Ansätzen Sozialer Arbeit verknüpft. Dabei erscheint es mir wichtig, um individuelle Pathologisierungen zu vermeiden, die geschilderte Problematik auch als Spiegelbild und pathologischer Ausdruck aktueller gesellschaftlicher Widersprüche zu sehen.
Öffentlicher Vortrag, Eintritt CHF 30.-, kann vor Ort in bar oder per Twint bezahlt werden. Eine vorgängige Anmeldung ist nicht erforderlich.